„Das Digitale ist immer nur vorläufig“

 

So können Projekte aussehen, mit denen sich Studierende von Interaction Design beschäftigen: Im Rahmen einer Kooperation mit Volkswagen wurde das Konzept für ein umfassendes Softwaresystem entwickelt, das die nachhaltige Interaktion zwischen Mitarbeitern und Abteilungen im Unternehmen ermöglicht. Grafik: HAWKWie wird der Dialog von Mensch und Maschine gestaltet? Wie kommunizieren Marken? Und welche Rolle spielt dabei die Digitalisierung? Mit diesen Fragen beschäftigen sich die Studierenden von Interaction Design und Branding Design an der HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst. Wie Unternehmen von ihren Konzepten profitieren können, erklären Professor Stefan Wölwer und Professor Marco Spies von der Fakultät Gestaltung.

HI-REG: Herr Professor Wölwer, hinter Apps, Websites oder der Bedienung von Maschinen stehen heute komplexe Programme und Technologien. Dass diese Anwendungen einfach und intuitiv bedienbar sind, dafür sorgen Interaction Designerinnen und Designer, wie sie hier an der HAWK ausgebildet werden. Wie können Unternehmen dieses Know-how nutzen, wenn sie neue Entwicklungen realisieren und sich dabei auch dem digitalen Wandel stellen wollen?

Stefan Wölwer: Wir sind beispielsweise in der Lage, für eine neue Entwicklung Prototypen zu bauen. Durch diese Prototypen wird die Fiktion zur Realität. Gerade bei digitalen Prozessen fällt es vielen schwer sich vorzustellen, wie die Umsetzung aussehen kann. Dabei beschäftigen wir uns auch mit der Frage, wie die Idee wirtschaftlich in die bestehenden Strukturen eingebunden werden kann.

HI-REG: Gibt es bereits eine Zusammenarbeit mit Unternehmen aus der Region?

Wölwer: Durchaus. Bei einem Unternehmen wurde etwa eine neue Steuerung entwickelt, für die wir den Prototyp erstellt haben.

HI-REG: Wie läuft eine solche Zusammenarbeit ab? Und welches Interesse haben Sie daran?

Wölwer: Das ist zum Beispiel im Rahmen von Seminaren möglich oder wir stellen kleine Teams aus Studenten zusammen, die in einem agenturähnlichen Modell arbeiten. Manchmal arbeiten aber auch Studierende als Praktikanten in Unternehmen oder wir schließen Kooperationsverträge. Wir bieten aber auch Unternehmen die Möglichkeit, hier mit uns im Interaction Design Lab zu arbeiten und die Hochschule als kreative Spielwiese zu nutzen. So können Mitarbeiter abseits vom Unternehmen Ideen mit uns ausprobieren. Wenn wir mit Unternehmen zusammenarbeiten, dann steht für uns naturgemäß das wissenschaftliche Interesse im Vordergrund. Wir können und wollen keine Aufträge generieren, in denen wir rein wirtschaftlich tätig sind. Schließlich wollen wir auch unseren eigenen Absolvierenden keine Konkurrenz machen. Interessierte Unternehmen können sich gerne per Mail oder telefonisch bei uns melden.

HI-REG: Herr Professor Spies, Sie sind seit kurzem Honorarprofessor an der Fakultät Gestaltung und widmen sich vor allem der Schnittstelle von Marken zu digitalen Produkten oder Services. Wie stellt sich hier die Situation bei den Unternehmen dar?

Marco Spies: Der deutsche Mittelstand zielt darauf ab, langlebige Produkte herzustellen und steht deshalb konträr zur ständigen Veränderung, die durch die Digitalisierung stark getrieben wird. Damit treffen zwei Geisteshaltungen aufeinander: Auf der einen Seite die Ingenieure mit ihrem Qualitätsanspruch und auf der anderen Seite schnelllebiges, permanentes Prototyping. Im Grunde leben wir heute in einer Betakultur, denn das Digitale ist immer nur vorläufig. Dazu ein Beispiel: Wenn ein Auto mit digitalen Schnittstellen auf den Markt kommt, ist die eingebaute Technik schon zwei Jahre veraltet, da Freigabeprozesse und Testabläufe so lange dauern. Also muss man umdenken, es braucht mehr Agilität.

HI-REG: Was kann man darunter verstehen?

Spies: In der traditionellen Produktentwicklung werden die einzelnen Entwicklungsschritte nacheinander ausgeführt: Ideenentwicklung, Planung, Konzeption, Entwurf, Umsetzung, Testphase und Launch. Je nach Produkt und Branche ziehen sich solche Projekte über Jahre hin und es kann passieren, dass das Ergebnis nach dieser Zeit zwar den ursprünglichen Anforderungen, aber nicht mehr den jetzigen genügt. Das heißt: Das Ergebnis ist schon beim Erscheinen des Produkts veraltet. Außerdem kann auf dem langen Weg viel schiefgehen. Bei einer agilen Vorgehensweise arbeitet man iterativ. Dabei entspricht jede Iteration einer Konzeptions- und Bauphase mit Nutzertests. Am Ende eines Zyklus ist dann jeweils ein Feature, eine Funktion oder ein Teilprojekt fertiggestellt. Überträgt man dies auch auf die Markenführung, so bedeutet dies, dass man auf allen Ebenen der Markenführung in Intervallen arbeitet. In der agilen Welt gibt es beispielsweise keinen Relaunch mehr. Marken sind heute lebendig, dialogoffen und unterliegen einer permanenten Anpassung an neue Entwicklungen. Mittlerweile gibt es auch keine Regelwerke in der Markenführung mehr, sondern man definiert Prinzipien und eine Haltung zur Marke.

HI-REG: Blicken wir einmal grundsätzlich auf die Digitalisierung und nicht nur auf die Markenführung. Wie können sich Unternehmen dem digitalen Wandel stellen?

Wölwer: Zunächst muss man erkennen, dass Digitalisierung ein Kulturwandel ist, dem man sich nicht verschließen darf. Sie betrifft wirklich jedes Unternehmen. Digitalisierung wird Strukturen in Betrieben verändern. Deshalb ist es wichtig, auch die Personalführung agil aufzustellen. Man kann in Teams neue Konstellationen ausprobieren und kreativ sein. Orientieren kann man sich an den Prinzipien der Digitalisierung: Dialogbereitschaft, Nutzerzentriertheit und Interdisziplinarität.

Spies: Unternehmen müssen sich bewusst machen „Was heißt Digitalisierung für mich?“. Dabei gibt es verschiedene Bereiche, die man für sich evaluieren sollte: Prozesse, Service, Vertrieb, Marke, Marketing. Digitalisierung betrifft alle Bereiche des Unternehmens, aber man muss sich anschauen, auf welcher Ebene der größte Handlungsdruck besteht. Verständlich ist, dass sich gerade kleine Unternehmen schwer damit tun. In einem ersten Schritt ist deshalb die Analyse des eigenen Status quo so wichtig. Und man kann dabei durchaus Dinge entdecken, an die man noch gar nicht gedacht hat.

Weitere Informationen

Sie möchten sich einen Eindruck von den innovativen Konzepten machen, die an der HAWK entwickelt werden? Hier gibt es Interaction Design online:

www.vimeo.com/channels/hawk

www.facebook.com/hawkdigitalemedien

Hier finden Sie alles Wissenswerte zu Interaction Design sowie Branding Design an der HAWK.